Generation Web 0.9: ZDF Intendant zur digitalen Fernsehzukunft
Posted by Florian Haas on 08 May 2007 at 11:43 am | Tagged as:
Manchmal zappe ich einfach nur mal so durch die TV-Kanäle. Gestern war so ein Tag, und ich bin bei Phoenix hängen geblieben, als eine Rede von ZDF- und Phoenix-Intendant Markus Schächter übertragen wurde. Die Gedanken von Herrn Schächter drehten sich um die Zukunft des Fernsehens und über die Auswirkungen des Internets auf die Fernsehindustrie.
Ich finde es gut, wenn sich die Öffentlich-Rechtlichen (ÖR) Gedanken über die Zukunft machen. Ich finde es gut, dass sie ins Internet wollen (ich glaube, dass wir Alle davon profitieren, wenn die ÖR ihren Auftrag auch zu 100% im Internet ausführen). Ich freue mich darauf, 24h täglich die neuesten Nachrichten, Kommentare und Analysen von einem relativ neutralem Anbieter beziehen zu können. Ich glaube, dass die ganzen politischen Sendungen extrem wichtig für das Funktionieren unserer demokratischen Republik ist.
Der ZDF-Intendant (bzw. sein Redenschreiber) gehört nicht zur Generation Web 0.0 ; er versteht, dass es ein Internet gibt, und dass es praktisch alle Lebensbereiche stark verändert bzw. verändern wird. Er weiß, dass Youtube existiert, und dass Jedermann sowas wie ein “Sender” ist. Das unterscheidet Ihn von ca. 99% unserer Führungsriege.
Das einzige, was Herr Schächter noch lernen muss, ist das, was das Internet so sehr von allen vorherigen Kommunikationsformen unterscheidet: Das Internet ist nicht so revolutionär, weil plötzlich eine Million Sender da sind. Wäre das der Fall, dann wäre amerikanisches Kabelfernsehen genauso revolutionär wie das Internet. Das Besondere am Internet ist, dass die eine Million Sender sich aufeinander beziehen; dass sie sich direkt in Echtzeit austauschen. Das Internet revolutioniert unser Leben nicht, weil ich plötzlich zwischen allen Kanälen dieser Welt auswählen kann, sondern weil Ich direkt dem Sender etwas zurückschicken kann. Das wirklich interessante im Netz sind nicht die ganzen Beiträge, sondern die Kommentare.
Sobald Schächter dies verstanden hat, ist er wirklich im Internet angekommen.



Stimmt, Kommentare sind was tolles. Auch in Blogs; deshalb schreibe ich hier ja was hin.
Diese direkte Beziehung zwischen Nutzer und Sender ist ein wichtiger Aspekt, wenn es um die Zukunft des Fernsehens geht – wenn auch nicht ein neuer… von Revolution würde ich also nicht sprechen. Die Idee des “Rückkanals” existiert ja bereits so lange wie das Fernsehen.
Worin siehst du das Erfolgspotenzial von Internet-TV ? Worin liegt der Mehrwert für den Nutzer?
Ich halte das komplette Konzept von “Internet-TV” für blödsinnig (jedenfalls in seiner jetzigen Form).
Nur weil die Bilder nicht mehr per analoger Funkwelle sondern per TCP/IP verschickt werden bedeutet das nicht, dass magischer Feenstaub alles besser macht.
Ja, die Idee des Rückkanals ist eigentlich ein alter Hut. Aber hat irgendjemand diese Idee wirklich umgesetzt? Außer ein paar Testläufen mit Gameshows, bei denen der Zuschauer mitraten konnte war da nichts.
Das wirkliche Erfolgspotential liegt in meinen Augen nicht beim user-generated content ( es gibt nur einen sehr geringen Prozentsatz wirklich interessante user; der Großteil ist Müll, den die wenigsten sehen wollen), sondern bei Diskussionen zum professionell produziertem content. Zum einen einfach, weil Leute gerne ihre Meinung kundtun. Zum anderen, weil in der großen Masse der Zuschauer unweigerlich Spezialisten sitzen, die zu einem bestimmten Thema eine Menge interessantes beizusteuern haben.
Ich sehe zwar das Konzept des citizen journalism kritisch, aber zu bestimmten Großereignissen ist der Bürger nicht zu schlagen: Am 11. September 2001 gab es einen Ort, an dem man die besten, akkuratesten (und emotionalsten/unterhaltsamsten) Informationen bekam: fark.com. Warum? Weil dort die direkt Betroffenen aus den Hochhäusern nebenan live beschrieben haben, was passiert. Wenn man diese Informationen gleichzeitig mit dem redaktionellem content z.B. von CNN auf einen Schirm bekommen könnte wäre dies ein ungeheurer Mehrwert sowohl für content-provider als auch den Konsumenten. Dies beschränkt sich nicht nur auf Nachrichten: politische Magazine dürften weitaus fesselnder sein, wenn Beiträge direkt durch Nutzer diskutiert werden. Eine Afrika-doku wird durch Kommentare von Afrikareisen aufgewertet. DSDS-Shows mit gleichzeitiger Diskussion über die Performance der Lieblingskünstler, etc.
Der Mensch an sich ist ein soziales Wesen; Kommunikation macht süchtig. Für die Sender hat dies enormes Bindungspotential, was in Zeiten von fallenden Zuschauerzahlen Gold wert sein dürfte.
Natürlich ist dies auch risikobehaftet. Ohne ein gutes Community-Management kann Interaktivität gewaltig nach hinten losgehen. Außerdem werden content-producer sehr schnell zu spüren bekommen, dass die Zuschauer weitaus besser informiert sind als sie dachten. Schlecht recherchierte Berichte werden gnadenlos bloßgestellt werden können.
Ein anderer Aspekt, der durch IP-TV auf den Kopf gestellt wird ist die Werbung: Durch den Rückkanal werden Werbetreibende genau sehen können, wie Ihre Werbung ankommt. Es wird schwarz auf weiß zu lesen sein, dass Fernseh-Werbung unglaublich ineffektiv ist. Da werden sich einige Leute wundern und Ihre Budgets verändern.